1. LSBTI*-WISSENSCHAFTSKONGRESS

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Hans-H. Kotte

Dr. Ursula Sillge

Antwort: Für die größere Vielfalt in der LSBTI-Bewegung in der DDR gegenüber den anderen sozialistischen Ländern gab es mehrere Gründe: Die evangelische Kirche war die Ausnahme bei den verschiedenen christlichen Kirchen, in dem sie Lesben und Schwulen eine Nische bzw. Podium bot.
Bei den dominierenden christlichen Kirchen der anderen sozialistischen Länder war das nicht möglich. Polen, CSSR, Ungarn weitgehend katholisch, die russischen Gebiete der SU, Rumänien und Bulgarien orthodox.
Die gesellschaftliche Atmosphäre in der DDR war durch FKK-Bewegung und Aufklärungsbücher wie das von Dr. Siegfried Schnabl aus Karl-Marx-Stadt schon aufgelockert und nicht mehr so verklemmt, wie in den anderen sozialistischen Ländern.
In der DDR gab es zudem keine Sprachbarriere zur BRD und damit ins westliche Ausland, sondern im Gegenteil verwandtschaftliche und persönliche Beziehungen.
Dadurch war es leichter an Bücher und andere gedruckte Materialien zu kommen. Die Literatur konnte zwar auf der Leipziger Messe gelesen, aber nicht erworben werden. Sie wurde über abenteuerliche Wegen und Partisanen-Methoden beschafft und unter der Hand weitergegeben.

Gruppen konnten sich in verschiedenen existierenden Bereichen bilden:
Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin HIB (privat),
Gruppen in der evangelischen Kirche,
Sonntags-Club, von der Stasi als „Unabhängige“ bezeichnet,
Gruppen in Jugendklubs und Kulturhäusern,
Gruppen bei den Ehe- und Sexualberatungsstellen,
Gruppen bei den Freidenkern.

Außerdem gab es inoffizielle Treffpunkte in der Gastronomie:
In Berlin-Ost etwa 6 bis 9 Einrichtungen, republikweit auch vereinzelt in größeren Städten, die hauptsächlich von Schwulen frequentiert wurden. Die Lesben nutzten eher die zeitweilige Möglichkeit über Briefwechsel-Anzeigen in der Presse, Kontakte zu knüpfen.