1. LSBTI*-WISSENSCHAFTSKONGRESS

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Hans-H. Kotte

Dr. Elahe Haschemi Yekani

Antwort: Die ganz banale Antwort ist und bleibt: Sexismus. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass das queere Kino davon nicht betroffen wäre. Queerer Aktivismus, queere Kunst und Theorie und feministische Ansätze stehen in einem konfliktreichen Spannungsverhältnis. Nicht ohne Grund nennt B. Ruby Rich das „New Queer Cinema“ der 1990er Jahre zunächst eine (white) „boys’ own story“, die die Perspektiven von Frauen und People of Colour marginalisierte. Und auch die aktuelle Diskussion um das „New Wave Queer Cinema“ hängt maßgeblich am Schaffen von Regisseuren wie Travis Mathews und Ira Sachs. Das heißt nicht, dass diese Filme nicht sehenswertes queeres Kino sind. Aber kaum eine andere Kunstform ist noch immer von einem solchen Geschlechterungleichgewicht geprägt wie der finanziell anspruchsvolle narrative Spielfilm. Daraus folgt ebenfalls nicht, dass wir zu einer Form von lesbischem Separatismus zurückkehren sollten. Es ist ein Verdienst des Queer Cinema, dass es viele Filme gibt, die vielleicht gar nicht mehr so identitätspolitisch eindeutig funktionieren. Das hat offensichtlich mit der gestiegenen Sichtbarkeit von Trans* und intersexuellen Protagonist_innen zu tun. Auch die Debatte um den jüngst in Cannes ausgezeichneten Film „La vie d’Adèle“ zeigt, dass auch nie ganz klar sein kann, was jetzt einen „lesbischen Film“ überhaupt ausmachen würde: das Sujet, der/die Regisseur_in, gar die Schauspieler_innen? Es geht mir also nicht so sehr um ein reines Zahlenspiel, sondern um das Politisieren von Repräsentation und ästhetische Herausfordern visueller Erzählkonventionen, die oft Weiß und männlich dominiert bleiben.