1. LSBTI*-WISSENSCHAFTSKONGRESS

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld bei facebook Bundesstiftung Magnus Hirschfeld bei twitter
Hans-H. Kotte

Josch Hoenes

Antwort: Ich denke die entscheidende Frage ist nicht, „ob Kunst überhaupt eine Chance hat“, sondern „Welche Chance haben künstlerische Arbeiten, etwas zu tun?“. Macht- und Herrschaftsverhältnisse wie Homophobie, Transphobie oder Sexismus, werden zentral auch von visuellen Kulturen mithergestellt und aufrechterhalten. Und genau darin liegt auch die Chance von künstlerischen Arbeiten. Viele Leute sind es zum Beispiel in hohem Ausmaß gewohnt, an Körper- oder Kleidungsformen das Geschlecht, die sexuelle Orientierung etc. quasi auf den ersten Blick zu erkennen. Künstlerische Arbeiten, die solche Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten irritieren, besitzen das Potential sicher Geglaubtes zu verunsichern. Gleichzeitig eröffnen sie damit einen Raum für alternative Formen des Sehens, des Denkens und Empfindens. Die zweite große Chance sehe ich darin, dass sie Bilderwelten schaffen können, in denen andere Formen geschlechtlicher Existenz und sexuellen Begehrens genossen und anerkannt werden können. Darin können sich Möglichkeiten für eine andere Gestaltung und Umgangsweise mit dem Selbst, dem Anderen und dem Leben ergeben. Der französische Philosoph Jacques Rancière hat mal gesagt: „Die Emanzipation beginnt dann, wenn man den Gegensatz zwischen Sehen und Handeln in Frage stellt, wenn man versteht, dass die Offensichtlichkeit, die so die Verhältnisse zwischen dem Sagen, dem Sehen und dem Machen strukturieren, selbst der Struktur der Herrschaft und der Unterwerfung angehören. Sie beginnt, wenn man versteht, dass auch Sehen eine Handlung ist, die diese Verteilung der Positionen bestätigt oder verändert.“ Insofern ließe sich auch fragen, inwiefern sich andere Formen des Sehens, die durch queere Kunst möglich werden, im Sinne eines queer reading auch auf hegemoniale Bilderwelten übertragen lassen. Insofern würde ich auch nicht von einer visuellen Übermacht sprechen, sondern von Machtgefügen, an deren Produktion wir alle immer schon beteiligt sind, mit unseren Praktiken, Denkweisen und Gewohnheiten. Das heißt nicht, dass wir oder die Kunst alles ändern können, aber mehr als Nichts geht schon.